Chronik des Panzergrenadierbataillons 172

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Wappen des Panzergrenadierbataillons 172

Der Verband entstand am 01.07.1956 durch Übernahme von Beamten der II. Abteilung der Grenzschutztruppe 7 in der Lübecker Waldersee-Kaserne zunächst als Grenadierbataillon 11. Am 01.09.1956 wurde es in die Hamburger Boehn-Kaserne verlegt. Zum 01.03.1958 wurde das Bataillon zusammen mit Angehörigen des Grenadierbataillons 31, unter gleichzeitiger Verlegung in die Flensburger Briesen- Kaserne, neu aufgestellt.

Das Grenadierbataillon 26 wird gemäß Befehl Führungsstab des Heeres aus dem GrenBtl 11 und GrenBtl 31, beginnend mit dem 01.03.1958 aufgestellt. DasVorauspersonal in Stärke von 7 Unteroffizieren und 8 Mannschaften trifft am 03.03.1958 in Hamburg-Rahlstedt, Boehn-Kaserne ein. Die Unterbringung erfolgt in Block I, zunächst mit 3 Geschäftszimmern. Der BtlKdr Major Gerlach ist zu diesem Zeitpunkt noch mit Aufstellungsarbeiten der Kampfgruppe A 6 in Flensburg beschäftigt.

Da das GrenBtl weder eine Mittelzuweisung noch Büromaterial erhalten hat, sind die Aufstellungsvorarbeiten nur durch die Unterstützung des GrenBtl 11, GrenBtl 31 und GrenBtl 61 (GrenBtl 16 neu) durchzuführen. Da auch hier die Mittel nur im beschränkten Umfange vorhanden sind, ist es nur beschränkt möglich, einen Geschäftszimmerbetrieb aufzubauen. Hauptmann Cleves trifft als als S 3 des GrenBtl 26 am 12.03. in Hamburg-Rahlstedt ein, in den nächsten Tagen werden hauptsächlich Aussprachen betreffs Kaderbildung, welche sich zunächst nur auf Teile des GrenBtl 11 beschränken, getätigt. Verbindungsaufnahme mit Vorauspersonal der 6. GrenDivision und Kgr. (Kampfgruppe) B1 erfolgt.

Bereits im April verlegen die Kräfte in die Flensburger Briesen-Kaserne, der Kdr des KgrStabes A6 begrüßt die anwesenden Offiziere und Unteroffiziere in Flensburg-Weiche. Den eingetroffenen Offizieren bietet sich die Kaserne als Großbaustelle an. Mehrere 100 Handwerker versuchen mit Druck der Bundesdienststellen und der Bauleitung die Kaserne termingerecht zu übergeben. Für das GrenBtl 26 ergibt sich nach dieser Besichtigung folgendes Bild: Das Stabsgebäude, Block der 1 .- Kp, 2 . - Kp, Stabs-Kp und Versorgungs-Kp sind voraussichtlich ab 08.04.1958 bedingt bezugsfertig. Der Block der 3. Kp und 4.- Kp ist nach Schätzungen nicht vor dem 1. Mai 1958 beziehbar.

Die großzügige moderne Bauweise und mit manchem Komfort ausgestattete Kaserne gibt für den Besichtigenden ein eindrucksvolles Bild. Unter Berücksichtigung der vorhandenen Schwierigkeiten und der besonderen Lage der Großbaustelle werden Verlegungsabsichten und Befehle gegeben. Der Kdr selbst erteilt allen Anwesenden eine eingehende Sicherheitsbelehrung. Verbindungsaufnahme und Vorstellung bei dem Leiter der Standortverwaltung Flensburg wird vorgenommen.

In den ersten Tagen des April 1958 werden die Unterkünfte der 1. und 2. Kompanie übernommen. Die Möbelausstattung erfolgt reibungslos durch die Standortverwaltung Flensburg. Die Soldaten des Vorkommandos übernehmen lediglich, dass Aufstellen der Möbeln in den Zimmern. Der BtlStab wird zunächst im Block der Kgr A6 in einigen Zimmern untergebracht. Über Ostern werden die Teile des Vorkommandos beurlaubt, da keine Arbeiten für die Feiertage vorgesehen sind. Das Wirtschaftsgebäude des GrenBtl 26 ist noch nicht fertiggestellt, infolgedessen wird die Verpflegung bei dem GrenBtl 16 empfangen .

Am 16.04.1958 treffen 90 Wehrpflichtige und 9 Freiwillige bei der 1. Kompanie GrenBtl 26 ein. Einkleidung und ärztliche Untersuchung erfolgen planmäßig. Ein ärztliches Attest eines erkrankten Rekruten ist eingegangen. Musikkorps II spielt zur "Aufheiterung" der jungen Rekruten, die zu einer "Baustelle" einberufen wurden. Dank der guten Zusammenarbeit mit den hiesigen Marinedienststellen werden Omnibusse gestellt, die eine schnelle Abwicklung der Einkleidung gewährleisten.

Die Allgemeine Grundausbildung bei der 1. Kompanie beginnt am 21.04. Die 2. Kompanie steht in der Spez. -Grundausbildung und arbeitet nach kariertem Dienstplan. Sportoffizier des Btl, Hptm Siebenmark, nimmt Verbindung mit den zuständigen Stellen in Flensburg auf (Sportvereine, Behörden). Einen Tag später wird das Stabsgebäude des Btl bezogen, obwohl Maler und andere Handwerker noch eifrig bei der Arbeit sind. Zum Abschluss des Tages fährt das Offizier-Korps auf Einladung des Kdr der Marineschule Mürwik zum Vortrag des Prof. Mikat, über das Thema: der dialektische Materialismus.


Am 04.05.1958, bei strahlendem Frühlingswetter beginnt um 11.00 Uhr der Marsch der Abordnungen des Grenadierbataillons 16, 26, III/FAR 6, Kampfgruppenstab A6, und der Stabskompanie in guter geschlossener Ordnung. Unter Vorantritt des Musikkorps I aus Hamburg treffen die Abordnungen um 12.00 Uhr auf dem Südermarkt ein. Es erfolgt die Begrüßung durch den Bürgermeister der Stadt und Flotillenadmiral von Wangenheim.

Die Dankworte richtet dann der Kampfgruppenkommandeur an die beiden Vorredner und an die Bevölkerung der Stadt. Auch der Rückmarsch wird für alle ein bleibendes Erlebnis. Die Bevölkerung folgt der Marschkolonne bis zum Ausgang der Stadt und unter Sicherung der Feldjäger trifft die Kolonne um 13.15 Uhr in der Kaserne ein. Bei dem ersten Auftreten in der Stadt hat es beim Bataillon viele Ausfälle gegeben, die sich auf innere Erregung und Witterungsverhältnisse begründen. Es zeigt sich jedoch , das die wenigen Stunden der Formalausbildung für ein geschlossenes Auftreten in der Stadt nicht ausreichen und der Marschgesang und aufrechtes, ordentliches Marschieren geübt werden muss. Trotzdem, alles in allem war dieser Tag für u n s eine bleibende Erinnerung.


09.05.1958 - Einweihungsfeier und Übergabe der Kasernenanlagen Flensburg-Weiche. Um 12.00 Uhr meldet der Kampfgruppenkommandeur die angetretenen Grenadierbataillone 16 und 26 dem Befehlshaber im Wehrbereichskommando I, Konteradmiral Rogge. Als Gäste sind erschienen: Der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein von Hassel, der Präsident der Wehrbereichsverwaltung I Wichmann und ca. 100 geladene Gäste der Bundeswehrdienststellen im Standort und der Verwaltungsstellen im Wehrbereich I.

Nach der feierlichen Flaggenhissung und Übernahme der Kaserne durch den Kampfgruppenkommandeur werden die Gäste und Offiziere der Kampfgruppe zu der obligatorischen Erbsensuppe gebeten. Hierbei dankt der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, dass er am heutigen Tage dabei sein durfte und wünscht allen Soldaten im Standort und besonders in der Kaserne Weiche ein schnelles Einleben und hofft, dass in 3 Monaten die Kaserne endgültig vorn Bauschutt befreit sein wird.

 

Anfang September 1958 laufen die Vorbereitungen für die Herbstübung 1958. In den Zeitungen wird schon laufend über die bevorstehenden Manöver berichtet. Am Abend des 09. September treffen Pioniere aus Plön und Panzer aus Boostedt treffen ein.

Beginn der Herbstübung: Das Bataillon, verstärkt durch 1./PiBtl 6, 3./PzBtl 13 und einen AV-Trpp des II./FAR 6, marschiert in der Nacht vom 09.09. auf 10.09.58 teilweise mit Nachtmarschgerät in Einzelgruppen in den Rastraum nördl. Bredtstedt. In den Morgenstunden des 10.09. erhält das Btl den Befehl, die Scholmer Au zu gewinnen und Aufklärung in nördliche Richtung gegen Enge vorzutreiben. Hierbei ereignet sich ein bedauerlicher Unfall: 2 DKW von der 1 ./- und 4./- stoßen frontal zusammen. Hptm Burkhardt und Uffz Venzke werden schwer verletzt. In den Morgenstunden des 11.09. tritt das Btl zum Angriff über die Scholmer-Au gegen Feind in Enge und auf den bewaldeten Höhen nördlich Enge an. Gegen 11.00 Uhr wird kurz nach der Darstellung eines Atomschlages gegen den Feind Übungsende befohlen. Am Abend des 11.09. finden in Bredtstedt und mehreren Orten der Umgebung unter reger Anteilnahme der Bevölkerung Manöverbälle statt. Die Aufnahme der Truppe durch die Bevölkerung ist äußerst freundlich. Man reißt sich um die Einquartierung der Soldaten. [ ... ]

Am 20.11.1958 besucht des Sir Horatius Murray der englische General Teile der Btle 16 und 26 während der Geländeausbildung.


In der Zeit vom 11. bis zum 18.12.1958 erfolgt ein Aufenthalt auf dem Truppenübungsplatz Munster-Süd. Nach einem zehnstündigen anstrengenden mot. Marsch erreicht das Bataillon Munster und wird im Lager Traun untergebracht. Die hier herrschenden Verhältnisse sind denkbar primitiv. Es ist bitterkalt und schneit, als die Soldaten in die Wellblechhütten einziehen. Die eisernen Öfen spenden nur geringe Wärme. Waschanlagen und Toiletten sind schmutzig und zum Teil unbrauchbar. Dennoch ist die Stimmung der Soldaten ausgezeichnet. Am 12.12. werden Einzel-, Gruppen- und Zuggefechtsschießen durchgeführt. Die 3./- führt am 13.12. ein Kp-Gefechtsschießen durch, Übungszweck: Verteidigung. Hierbei nehmen alle übrigen Kpn als Zuschauerteil

Die Kampfgruppe A 6 wird am 16. März 1959 in PzGrenBrig 16 umbenannt. Das Bataillon, das nach zahlreichen personellen Abgaben jetzt nur noch aus 5 Kompanien besteht, trägt die Bezeichnung: "Panzergrenadierbataillon
(mot) 163".

Panzergrenadierbataillon (mot) 163

Nach einjähriger Trennung von ihren Familien haben die verheirateten Herren jetzt Wohnungen in Flensburg Weiche erhalten.

Im Rahmen der Umgliederung zum Panzergrenadierbataillon (mot) 163 erfolgt eine Umbenennung der Kompanien. Die Stabs- und Vers.-Kp trägt künftig die Bezeichnung 1 ./-, die 1 ./26 wird jetzt in 2./- umbenannt. Das Bataillon erhält zwei Schützenpanzer. Es handelt sich um ältere Modelle, die jedoch für Fahrschulzwecke vollauf genügen. Damit beginnt die Vorbereitung für eine kommende Ausrüstung mit Schützenpanzern.

In der Nacht vom 31.05.1959 zum 01.06.1959 wird das Bataillon von der Kriminalpolizei Flensburg um Hilfeleistung für die Suche nach einem vermissten zweijährigen Mädchen gebeten. Etwa 80 Soldaten der 4./ rücken aus. Die gute Zusammenarbeit mit der Flensburger Polizei wird hierbei weiter gefördert.

Für das Herbstmanöver 1959 beginnt um 05.00 Uhr der Abmarsch des Vorkommandos unter Führung von Major Cleves. Das verstärkte PzGrenBtl 163 verlädt auf dem Bahnhof Weiche, sowie auf dem Bahnhof Schleswig, um im ersten Bahntransport seit Bestehen der Flensburger Einheiten das Manöver-Gebiet zu erreichen. Das Verladen geht reibungslos vonstatten, obwohl hierbei jegliche Erfahrung fehlt. Am Abend verlassen die Transporte Flensburg-Weiche und treffen in den Vormittagsstunden des 25.08.1959 im Raum Dannenberg-Göhrde-Hohenzethen ein. Nachdem auch das Ausladen ohne Zwischenfälle verläuft, wird das verstärkte PzGrenBtl163 nach kurzem Aufenthalt in einem Rastraum in der Nacht vom 25. auf den 26.08.1959 in eine Verzögerungsstellung hart westlich der angenommenen Landesgrenze verlegt. Das Bataillon bekommt den Befehl, alle Vorbereitungen zu treffen, um in der Nacht vom 25. auf 26.08.1959 so in Stellung zu gehen, dass es einen plötzlichen feindlichen Angriff zunächst bis zur Ilmenau verzögern kann. Am 25.08.1959 bekommt der Kdr des PzGrenBtl 163 um 23 .00 Uhr die Meldung, dass der Feind an mehreren Stellen die Grenze verletzt hat. Er gibt Befehl zur Aufklärung über die Landesgrenze hinaus. Um Mitternacht greift "Rot" über die Grenze hinweg an und im Laufe des 26.08.1959 kämpft das Bataillon in hinhaltender Kampfweise und führt seinen Auftrag, den Vormarsch des Gegners so erfolgreich wie möglich zu verzögern aus. Im Abschnitt der Ilmenau bezieht das verstärkte PzGrenBtl 163 eine Verzögerungsstellung und hält sich hier bis zum 27.08. abends auf.

In der Nacht vom 27.08. auf den 28.08.1959 führt der Gegner neue Truppen heran, um in den frühen Morgenstunden des 28. August seinen Angriff wieder aufzunehmen. In der Verzögerungsstellung an der Ilmenau trifft der Feind lediglich auf eine stärkere Abschirmtruppe, da die Masse des Bataillons bereits in der Nacht auf eine Verzögerungsstellung auf dem Nordteil des Übungsplatzes Munster-Lager ausgewichen ist . Der Abschirmtruppe gelang es in ständiger Fühlung mit dem Feind, das weitere Vorgehen von "Rot" zu verzögern. Hierbei hatte die Abschirmtruppe stärkere Verluste. In den Vormittagsstunden des 28.08.1959 taucht der Feind mit seiner Masse vor der neuen Verzögerungsstellung auf, wird aber überall erfolgreich abgewiesen. In der Nacht vom 28. auf den 29.08. weicht das Bataillon erneut aus, um eine Verteidigungsstellung zu beziehen, die wenigstens 48 Stunden gehalten werden soll. Am 29.08.1959 morgens 09.00 Uhr ist Übungsende. Die Truppe bezieht nach einer Feldparade auf dem Übungsplatz Munster- Lager bei herrlichstem Wetter ein friedensmäßiges Biwak und ruht sich hier von den Anstrengungen der Übung aus. In der Nacht vom 31.08.1959 auf den 01.09.1959 tritt das Bataillon den Rückmarsch an. Im Raum Süderbrarup finden am 01.09.1959 in verschiedenen Orten Manöver-Bälle statt.

In der Nacht zum Mittwoch, den 13. Januar 1960 erschießt der als Wachposten eingesetzte Panzergrenadier Uwe Timm den Gefreiten Diedrichsen, der sich halb in Zivil und halb in Bw-Kleidung im Kfz-Bereich der Kaserne aufhält und sich einer Personenüberprüfung durch Flucht zu entziehen sucht. Am 25.10.1960 wird der Panzergrenadier Timm wegen erwiesener Unschuld freigesprochen. Die Oberstaatsanwaltschaft legt jedoch Revision ein, um eine höchstrichterliche Entscheidung herbeizuführen, da die Rechtslage über den Schußwaffengebrauch in der Bundeswehr noch nicht eindeutig geregelt ist. Den Revisionsantrag zieht die Staatsanwaltschaft jedoch im März 1961 zurück.

Das Herbstmanöver "Hold Fast" mit anschließenden Manöverbällen findet in der näheren Umgebung von Kiel statt.

Im Jahre 1961 erfolgt die Umgliederung des Bataillons auf A-Btl mit 2./- und 3 ./- als Ausbildungskompanie, mit 5 ./- zu 70% als A-Kompanie, 1 ./- und 2./- als E-Kompanie. Umrüstung von mot auf MTW M113. Der bisherige Kdr OTL Gerlach wird feierlich verabschiedet und wird Taktiklehrer an der Heeresoffizierschule II in Hamburg. Sein Nachfolger wird Major Manns. Major i . G. Manns wird zum Oberstleutnant befördert.


1963 verlässt OTL Manns das Bataillon und geht als Lehr-Offz an die Schule für Innere Führung nach Koblenz. Sein Nachfolger wird OTL Grimm.

Jägerbataillon 172

Beginnend mit dem Jahr 1969 verlegten Teile der PzGrenBrig 16 aus den Standorten Flensburg und Husum in den grenznahen Raum zwischen Lübeck und Hamburg. Das PzGrenBtl 163 wurde aus der Brigade 16 herausgelöst, der PzGrenBrig 17 unterstellt und in JägerBtl 172 umbenannt.

Es erfolgt gleichzeitig der Umzug des gesamten Btl nach Lübeck in die Hanseaten-Kaserne. Mit dem Umzug in den neuen Standort waren erhebliche Probleme verbunden. Da es nicht genug Wohnraum gab, mussten sich viele Angehörige des Btls mit einer Wochenendehe begnügen. Der BtlKdr, OTL v. Coler, überwachte alle Aktivitäten innerhalb, aber auch im Umfeld, der Kaserne. Selbst die Kneipe vor dem Kasernentor konnte sich diesem Säuberungsprozess nicht entziehen. Diese wurde geschlossen, so dass die aus der Stadt heimkehrenden Soldaten nicht mehr in die Versuchung kamen, noch schnell ein Bier zu trinken.

Im neuen Standort Lübeck wollte sich das Btl mit einem Vorbeimarsch auf den Rad- und Kettenfahrzeugen auf der Travemünder Allee, der Lübecker Bevölkerung zur Begrüßung zeigen. Die politische Entscheidung, den Vorbeimarsch abzusagen, war eine große Enttäuschung. Was blieb war der Bataillonsappell in der Kaserne.

 

1971 war das Jahr der "langen Haare". Aufgrund eines Erlasses des BMVg konnten sich die Soldaten erstmals in der Geschichte der Bundeswehr das Haupthaar lang wachsen lassen. Aus Gründen der Sicherheit musste ein Haarnetz getragen werden. Auch wurde 1971 das freundschaftliche Verhältnis zu den Special Forces in Bad Tölz vertieft. Gemeinsam wurde eine Übung im Raum Bad Tölz vorbereitet und erkundet. Die 3./ Kp. hatte während dieser Übung den Auftrag, feindliche Kommandoeinheiten aufzuspüren und zu vernichten. Die Kompanie erfüllte Ihren Auftrag und spürte 9 von 10 feindlichen Trupps auf. In der Folgezeit kam es zum Austausch von Soldaten zwischen den Einheiten. Eine Eskalation des Krieges in Vietnam führte dann jedoch letztlich dazu, dass der Kontakt abriss.

Ebenfalls fand in 1971 die erste Gefechtsübung mit dänischen Streitkräften auf dem TrÜbPl Oksbol (Blavand) statt. Unter den Augen des dänischen Königs übten die Lübecker Jäger die Zusammenarbeit mit Ihren dänischen Kameraden.

1972 waren die Haare wieder einmal das Thema Nr. 1 in der Bundeswehr. Es erging ein Erlass des BMVg, das nun die Haare kurz geschnitten zu tragen sind, da einige Soldaten zur Dienstleistung zu den Olympischen Spielen entsandt werden sollten. Das Bataillon verlegte drei Wochen lang auf den TrÜbPl. Putlos. Aus Platzmangel auf dem TrÜbPl verlegte das Btl jedes Wochenende in einem Radmarsch geschlossen in den Standort Lübeck zurück, um am folgenden Montag erneut nach Putlos aufzubrechen.


Die Wehrpflicht wurde im Jahre 1973 von 18 auf 15 Monate reduziert. In diesem Jahr fand auch der TrÜbPl-Aufenthalt in Baumholder statt. Nie zuvor hatte das Btl mit seinem gesamten Personal und Material über eine so große Entfernung im Eisenbahntransport verlegt. In den drei Wochen wurden die Führer und die Soldaten des Btls, insbesondere aber die Teilnehmer des Uffz-Lehrganges unter der Leitung des OLt Hiller hart gefordert. Auf dem Rücktransport entgleiste die Lokomotive des Zuges und ein Gepäckwagen fing Feuer. Trotzdem erreichte das Jägerbatallion zwar verspätet, aber ohne Ausfälle, Lübeck.

Das Btl nahm zum ersten Mal an der Gefechtsübung "Bold Guard 1974" teil. Im Sommer 74 fand der TrÜbPl-Aufenthalt in Ehra-Lessin statt, bei dem ein Zugführer des Batallions durch unvorsichtigen Umgang mit Darstellungsmunition einen Großbrand verursachte, der erst durch den Einsatz mehrerer Löschzüge nach einigen Tagen gelöscht werden konnte. Der erste Kommandeurswechsel fand ebenfalls 1974 statt: OTL von Coler übergibt das Batallion an OTL Molsen.

Aufgrund einer erneuten Umstrukturierung des Heeres wurde das Btl am 01.April 1975 von MTW M113 auf den neuen Schützenpanzer Marder umgerüstet. Der erste SPz Marder wurde an die 3./ Kompanie im Beisein von Lübecks stellvertretendem Bürgermeister Senator Volker Kaske übergeben und auf den Namen "Adler von Lübeck" getauft. Das Btl behielt weiterhin seinen Namen "Jägerbataillon 172" und war so eine Ausnahme in der Bundeswehr, denn ein Jägerbataillon, ausgerüstet mit SPz, gab es in dieser Form nur in Lübeck.

Die Vorstellung der SPz bei den Lübecker Bürgern fand im November 1975 bei einem Marsch des Btl durch die Lübecker Innenstadt statt. Angeführt vom BtlKdr OTL Molsen rollte das gesamte JägerBtl durch Lübeck. Gerüchte, die besagen, dass das Holstentor in Folge dieses Kettenmarsches weiter abgesackt sein soll, wurden nie bestätigt.


Im März des Jahres 1976 übernahm die 2./ Kompanie eine Patenschaft mit der Gemeinde Groß Grönau. In diesem Jahr wurde erstmals ein Kinderfest durch das Jägerbataillon durchgeführt. 10.000 Kinder verwandelten die Hanseaten-Kaserne in einen riesigen Spielplatz. Königlicher Besuch war im August 1976 in Lübeck angesagt. Prinz Charles, der Thronfolger des englischen Könighauses, machte mit einem Verband der Royal Navy, im Lübecker Hafen fest. Auch 1976 wurde wieder ein internationaler Militärwettkampf von einer Mannschaft des Jägerbataillons 172 gewonnen. HFw Wende nahm den "Landrat-Saß-Pokal" in Empfang.

Im Februar 1977 fuhr das Jägerbataillon erstmals zur Nato-Gefechtsübung "Brigade Frost" nach Dänemark. Außergewöhnlich schlechtes Wetter erschwerte den Marsch dorthin so sehr, das mehrere Fahrzeuge von der Straße abkamen und das Btl erst mit erheblicher Verspätung auf dem TrÜbPl Oksbol eintraf. Insgesamt waren 2.200 Soldaten und 650 Kettenfahrzeuge aus Dänemark, Großbritannien und Deutschland beteiligt.

Im Mai wurden die jungen Rekruten feierlich auf dem Marktplatz von Lübeck, vereidigt. 1977 war auch ein Jahr des Kommando- und Generationswechsels in der Hanseaten-Kaserne. Insgesamt 15 Offiziere verließen in diesem Jahr das Bataillon. Im Juli kam es zur Kommandoübergabe an OTL Moderow.

 

20-jähriges Bestehen des Jägerbataillons 172 im Jahre 1978. In einer Festwoche wurden Schieß- und Sportwettkämpfe, ein Tag der offenen Tür, ein Bataillonsball und ein öffentliches Gelöbnis veranstaltet. Hohen internationalen Besuch gab es ebenfalls. 50 Militärattaches aus 35 Nationen hielten sich in Lübeck auf und konnten somit u.a. eine Gefechtsübung des Jägerbataillons beobachten. Das erste Freizeitheim für Soldaten als eines der ersten in der Bundeswehr, wurde in der Hanseaten-Kaserne eingeweiht.

 

Gleich am Neujahrstag 1979 wurde das Btl alarmiert und leistete anschließend Katastrophenhilfsdienste. Durch die starken Schneefälle dieses Winters waren Zufahrtsstraßen und Eisenbahnstrecken unpassierbar geworden. Das Jägerbataillon 172 unterstützte durch Personal und Material in einem mehrtägigen Einsatz. So wurden Eisenbahnschienen und Weichen immer wieder freigelegt und die Straßen mit Hilfe von Bergepanzern geräumt. Im September nahm das Btl an der Nato Gefechtsübung "Harte Faust" teil. Nach Abschluss der Übung wurde das Btl mit der Korpsmedaille ausgezeichnet.

Im November folgte eine Übung in Bergen-Hohne im Beisein von Verteidigungsminister Apel und dem Nato Oberbefehlshaber General Rogers. Eine Besonderheit in der Personalstruktur des JägerBtl ergab sich in diesem Jahr. So absolvierten die Jäger Rusch und Kistenmacher ihre Grundausbildung in dem gleichen Btl, in dem ihre Väter schon lange Dienst taten und zu dieser Zeit als KpFw eingesetzt waren. Es soll wohl auch eine väterliche Spindkontrolle gegeben haben.

1981 war das Jahr des Wechsels und der Umstrukturierung in der Hanseaten-Kaserne. In diesem Jahr wurde die Umgliederung des Btls in die Heeresstruktur 4 bestimmt.

Der Kern dieser Umstrukturierung war die Reduzierung der Gefechtsfahrzeuge innerhalb der Kompanien, die Zentralisierung der Materialbewirtschaftung und Materialerhaltung auf Btl-Ebene und die Aufstellung der so genannten "1er" Bataillone. Die Umbenennung vom Jägerbataillon 172 in das Panzergrenadierbataillon 172 wurde vollzogen. Die Zeit der Ausnahmestellung, was den Namen und Barettemblem anging, war nun vorbei und vielen Angehörigen des Btls fiel es nicht leicht, das "goldene Eichenlaub" gegen den "Schützenpanzer mit den gekreuzten Gewehren" einzutauschen.

Am Tag der Umbenennung in „Panzergrenadierbataillon 172", dem 01.04.1981, übernahm OTL Wiederholz das Kommando von OTL Modorow. Unter dem neuen Kommandeur wurde im August dieses Jahres eine Teilstreitkraft übergreifende Gefechtsübung in Putlos durchgeführt. Diese Gefechtsübung war eingebettet in einen dreiwöchigen TrÜbPl-Aufenthalt in Putlos.

 

Millitärischer Höhepunkt im Jahre 1982 war sicherlich der Aufenthalt auf dem TrÜbPl Shilo (Kanada). Bei einem dort ausgetragenen Fußballturnier wurde der BtlKdr Torschützenkönig. In diesem Jahr wurde erstmals seit 15 Jahren wieder der Unteroffizierwettkampf "Harte Kämpfer" ausgetragen. Einen weiteren Beweis Ihrer Leistungsfähigkeit erbrachten die Soldaten des PzGrenBtl 172 bereits im April dieses Jahres. Anlässlich der Kommandoübergabe der PzGrenBrig 17 legten die Soldaten den Weg von Hamburg nach Lübeck in einem Fußmarsch zurück. 432 Soldaten marschierten über 10 Stunden die 55km lange Strecke. Die letzten Kilometer wurden sie dabei von Lübecker Amts- und Würdenträger begleitet.
Zum Abschluss dieses ereignisreichen Jahres wurden mit der Wiedereinführung des Dienstgrades Stabs- und Oberstabsfeldwebel die HFw Rusch, Kistenmacher und Leuch zu Stabsfeldwebeln befördert. Das PzGrenBtl 172 stellte mit Karl Otto Nissen sogar den einzigen Oberstabsfeldwebel der Brigade zu diesem Zeitpunkt.

1983 wurde das PzGrenBtl 172 schon 25 Jahre alt. Es gab zahlreiche Feierlichkeiten, deren Höhepunkt ein "Großer Zapfenstreich" auf dem Buniamshof und ein Tag der offenen Tür waren. Im feierlichen Rahmen des großen Zapfenstreiches wurde dem PzGrenBtl 172 durch den Bürgermeister der Hansestadt Lübeck, Dr. Robert Knüppel, die Bataillonsfahne überreicht. Diese Fahne begleitete seit diesem Zeitpunkt das Bataillon auf all seinen Vorhaben.


Keine Gefechtsübung oder ein weiterer TrÜbPl-Aufenthalt stand im Jahre 1984  auf dem Programm, sondern die Organisation der Kommandeurstagung 1984 im "Maritim Travemünde". Eine schwierige Aufgabe. Der Transport, die Bewachung, die Verpflegung und viele andere Dinge waren sicherzustellen, so dass die Tagung der Führung der Bundeswehr der Schwerpunkt im Jahre 1984 für die Lübecker Grenadiere war.

 

Wieder begann 1985 ein Jahr mit einem TrÜbPl-Aufenthalt: 14 Tage Gefecht in Putlos. Der Winter 84/85 brachte reichlich Schnee und Kälte und die Diskussion um eine verbesserte Kälteschutzbekleidung in der Bundeswehr. So kam es trotz der Anstrengungen des Btls und der Kompanien zu einigen Erfrierungen bei den Soldaten. Im Jahre 1986 kam dann die verbesserte Kälteschutzbekleidung. Sprüche wie: "Frieren kann man lernen" sind nun nicht mehr aktuell.

Auch wurde während der Gefechtsübung "Grüner Jäger" das Durchschlagen in unbekanntem Gelände geübt. Das Großereignis dieses Jahres war die Teilnahme an der Heeresübung "Trutzige Sachsen". Unter dem Motto "wat mut, dat mut" waren über 1.000 Lübecker Soldaten an diesem Manöver beteiligt. Nach dem Überqueren der Elbe im Fährbetrieb wurde das Gefecht freilaufend im Nordwesten Niedersachsens geführt.

 

Das Jahr 1986 wurde geprägt durch mehrere Kommandowechsel innerhalb des Bataillons und an seiner Spitze. So wurde am 28.04.86 das Kommando des Btls von OTL Wiederholz an den OTL Schecker, der Posten des S3 Stabsoffiziers an den Major Lindenau übergeben. Die Kompaniechefs der 2. und 4. Kompanie wechselten. Das Btl nahm an mehreren Großübungen teil. So wurde im Rahmen der Btl-Gefechtsübung "Kurzer Tritt" im August 1986 die Gewässerüberquerung über eine Kriegsbrücke geübt. Im November 86 kam es auf dem Rückweg vom TrÜbPl Bergen zum Übersetzen über die Elbe im Fährbetrieb. 1.300 Soldaten mit Ihren Kampffahrzeugen von 2 Fähren übergesetzt. Ebenfalls fand auch im diesem Jahr die Übung "Kühne Wacht" mit einem Schießen verbundener Waffen statt. Die 4. Kp hatte den Auftrag, ein Stellungssystem für eine PzGrenKp MTW zu errichten. Dieses Stellungssystem wurde trotz schlechter Bodenverhältnisse durch den persönlichen Einsatz der Soldaten zeitgerecht fertig gestellt.

Das Jahr 1987 begann mit einem Aufenthalt in Sennelager und der Teilnahme an einer Brigade-Gefechtsübung. Im Februar besuchten 42 britische Soldaten der "1rst Royal Irish Rangers" das Bataillon im Rahmen eines Soldatenaustausches. Neben der Teilnahme an weiteren Gefechtsübungen war einer der Höhepunkte des Jahres der Besuch des Bundesministers für Verteidigung, Dr. Manfred Wörner. Eine Mannschaft des Btls nahm an dem Nijmwegen-Marsch teil. 40 Soldaten der 2. Kompanie marschierten nach 10-wöchigem Training in 4 Tagen je 40km unter der Leitung von Lt Lage. Auch fand der 1. Hanse-Halbmarathon des PzGrenBtl 172 statt. Es gingen 64 Läufer auf die 22 km lange Strecke. Auch waren viele Gastmannschaften an den Start gegangen.


Am 22. Januar 1988 überreichte Justizminister Heiko Hoffmann die Fahne Schleswig-Holsteins an den BtlKdr OTL  Schecker. Militärischer Höhepunkt des Jahres war die Lehrübung "Der PzGrenZug als Jagdkommando" auf dem StOÜbPl Wüstenei. Geübt wurde der Angriff eines Jagdkommandos auf einen feindlichen Gefechtsstand. Den Abschluss dieser Lehrübung, bei der allein 170 Ladungen von Übungs- und Darstellungsmunition genutzt wurden, bildete eine Durchschlageübung, in der das Überleben im Wald und das Durchkommen zu den eigenen Stellungen die Schwerpunkte waren. Im III. Quartal kam es zu einem schweren Unfall während der Gefechtsausbildung der 2./172. Dem Verunglückten konnte durch schnelle und beherzte Hilfe des Uffz Stiegler und des StUffz Vibrais das Leben gerettet werden. Diese beiden Unteroffiziere wurden dafür mit dem Ehrenkreuz der Bundeswehr in Gold durch den BtlKdr ausgezeichnet.


War das Jahr 1989 der großen Veränderungen in der Weltpolitik. Für das PzGrenBtl 172 begann das Jahr mit einer normalen Veränderung, dem Wechsel des Kommandos von OTL Schecker zu OTL Fritze Es folgte im Frühjahr wieder ein TrÜbPl-Aufenthalt in Bergen Hohne sowie das alljährlich Btl-Biwak mit großem Zuspruch der Zivilbevölkerung im Juni 1989. Im Juli nahm erneut eine Delegation des Btls am Nijmwegen-Marsch unter der Leitung von Lt Moderow erfolgreich teil. Im November 1989 befand sich das Btl mit Teilen auf dem TrÜbPl Senne-Lager, als die ersten Flüchtlinge der noch bestehenden DDR, über die jetzt offene Grenze Ungarns in die BRD kamen und zunächst auch auf Übungsplätzen untergebracht und versorgt wurden. Den Soldaten, die damals dabei waren und ihre Plätze geräumt oder sonstige Unterstützung und Hilfe geleistet haben, wird dieser Übungsplatzaufenthalt sicherlich als erlebte Geschichte Deutschlands, in Erinnerung bleiben.

Das Ende

Im Frühjahr des Jahres 1990 wurden erneut die Brigade-Schwimm- und Waldlaufmeisterschaften ausgetragen. Auch in diesem Jahr bestätigte das Btl seinen Ruf auch aus den Offz- und Uffz-Vergleichswettkämpfen und holte die Btl-Pokale nach Lübeck.

Im April des Jahres 90 bekam das Btl die veränderte weltpolitische Lage erneut zu spüren. Zwei Redakteure der auflagenstärksten sowjetischen Zeitung "Komsolmskaja Prawda" nutzten einen Besuch beim PzGrenBtl 172 zu intensiven Gesprächen mit den Soldaten. Sie zeigten sich besonders verwundert über die nach Dienstschluss fast leeren Kasernen.

In 1990 schloss das PzGrenBtl 172 erstmals eine Patenschaft mit einem ausländischen Verband der 1. Fynske Liveregiment aus Dänemark.

Nach den verheerenden Frühjahrsstürmen drohte das gefallene Holz in den Wäldern durch Borkenkäferbefall vernichtet zu werden. Im Juni bekam das Btl den Auftrag und die Bitte um Abstellung eines kleinen Arbeitskommandos für 2–3 Tage. Dieser Auftrag wurde an die 2./171 weitergeleitet und Verbindung zum Förster aufgenommen. Aus dem kleinen Arbeitskommando für 2–3 Tage wurde unter der Leitung von OLt Hülcher, ein mehrwöchiger Auftrag. Zum Dank wurden die Soldaten, die auch in der Försterei übernachteten, vom Förster zu einem zünftigen Wildessen eingeladen.

Unter den Übungsvorhaben dieses Jahres ragte die Gefechtsübung "Schwarzer Widder" heraus. Im Zusammenwirken mit dem PiBtl 61, der Heeresfliegerstaffel "Hungriger Wolf" und dem Feldartilleriebataillon 61, erfüllte das PzGrenBtl 172 seinen Auftrag, einen Angriff des luftgelandeten Feindes abzuwehren und einen feindlichen Brückenkopf zu zerschlagen.

Die Wehrpflicht wurde von 15 auf 12 Monate verringert. Am 21. September 90 fand in Leezen ein feierliches Gelöbnis mit Rekruten des PzGrenBtl 172 und 182, der Panzerpionierkompanie 61 und 170 unter Leitung des PzGrenBtl 172 vor den Augen des Verteidigungsminister Dr. Stoltenberg statt. Es war stürmisch und regnerisch. Die Fahnenträger mussten teilweise festgehalten werden und einige Soldaten waren so mit sich beschäftigt, das sie nicht die Blickwendung zur Truppenfahne, sondern zu den am Sportplatz aufgehängten Vereins- und Stadtfahnen hatten.

Ein Block der Hanseaten-Kaserne wurde von den Soldaten geräumt und diente nun zur Aufnahme von Aus- und Übersiedlern, die bis zum Dezember 1991 im Block 12 wohnten.

Am 2. Januar 1991 nahmen die 2./PzGrenBtl 172 sowie die 2./PzGrenBtl 171 jeweils 75 Rekruten aus den alten und den neuen Bundesländern auf. Damit gehörten sie zu den ersten Kompanien in der Bundesrepublik, die nach der Wiedervereinigung eine gemeinsame Ausbildung junger Rekruten aus Ost- und Westdeutschland durchführten. Die Rekruten wurden am ersten Tag befragt und begleitet u.a. von den Teams von RTL, SAT1 und dem NDR.

Im Januar fiel der traditionelle Herrenabend aus und wurde durch einen Informationsabend ersetzt. Hintergrund war der Krieg im Persischen Golf. Am 28. Februar legten in der Hanseaten Kaserne 600 Wehrdienstleistende, darunter 150 Rekruten aus den neuen Bundesländern ihr feierliches Gelöbnis ab. Dr. Ottfried Henning, Staatssekretär im Verteidigungsministerium besuchte aus diesem Anlass das PzGrenBtl 172. Zum 1. April wechselte nicht nur das Kommando über das Bataillon von OTL Fritze an OTL Pricker, sondern fast die komplette Führung des Btls wurde teils aufgrund "normaler" Veränderungen (Entlassung, Beförderung usw.) teils aufgrund Abstellung in die fünf neuen Bundesländer, ausgewechselt.

Am 24. Mai 1991 um 13.30 Uhr landete OTL Pricker, im Hubschrauber aus Neumünster vom Divisionskommandeur kommend, in der Hanseaten-Kaserne. Zu dieser Zeit warteten im Speisesaal des Btls die Zeit- und Berufssoldaten. Es herrschte eine unbeschreibliche Stimmung, eine Mischung aus Ungewissheit, Anspannung und vereinzelnd auch Hoffnung. Als der Kommandeur den Speisesaal betrat, wurde es ruhig. Nach seinen ersten Worten wurde jedem klar, dass Lübeck als Standort das Rennen endgültig verloren hatte. Sehr schnell wurden erste Gedanken für die Umgliederung und Verlegung des Bataillons nach Bad Segeberg entwickelt. Am 22.Juni fand zum letzten Mal in der Hanseaten-Kaserne das traditionelle Gäste-Biwak statt. Nach dem feierlichen Gelöbnis der Rekruten auf dem Bad Schwartau Platz, feierten die Soldaten mit nahezu 4.000 Gästen in der Hanseaten-Kaserne in fröhlicher Weise bis in die frühen Morgenstunden. Ende Juni entließ die 4. Kompanie ihre letzten Soldaten.

Zuvor waren sie zur "letzten großen Gefechtsübung" mit dem PzGrenBtl 173 in Shilo (Kanada) gewesen. Bis zum September wurde die 4./PzGrenBtl 172 aufgelöst. Im August nahm das Bataillon mit 4 Kompanien an der Gefechtsübung der PzGrenBrig 16 "Grüne Eiche" teil und verlegte im Landmarsch von Lübeck in die Lüneburger Heide. Letztmalig trat das PzGrenBtl 172 auf dem TrÜbPl Bergen bei einem Gefechtsbiwak geschlossen auf.

Am 16. Oktober 1991 erging der Org.-Befehl zur Umgliederung des PzGrenBtl 172, Schaffung der Treuhandgesellschaft des Bataillons unter der Leitung des neuen KpFw Geräteeinheiten, StFw Christiansen der vorher KpFw der 1./172 war.

Im Dezember 1991 führte die PzGrenBrig 17 ihre letzte Gefechtsübung durch. Die Nato-Übung "Brick Fence" ermöglichte dem Bataillon letztmalig die Einsatzbereitschaft nachzuweisen. Mit der 2./172, 2./171 und der unterstellten Panzerkompanie 3./513 wurde 3,5 Tage auf dem TrÜbPl Bergen gegen aus Osten angreifende Kräfte verteidigt. Das Btl konnte seine hohe Schlagkraft und den guten Ausbildungsstand vor dem Divisionskommandeur und eingeladener Nato-Offiziere eindrucksvoll unter Beweis stellen. Am 11. Dezember 1991 beendete die 2./PzGrenBtl 172 die Patenschaft mit Groß Grönau, entließ die Wehrpflichtigen noch vor Weihnachten und wurde anschließend aufgelöst.


Ende Februar 1992 führte das Btl den letzten TrÜbPl-Aufenthalt durch. Teile der 1. Kompanie, die 2./171 und die 5. Kompanie waren beteiligt. Eine dänische Infanteriekompanie wurde zusätzlich betreut. Am 28. Februar fand im Beisein der Presse das letzte Gefechtsschießen im scharfen Schuss, auf der Schießbahn 8C in Bergen, statt. Unter Leitung des Hptm Lage griffen Soldaten der 2./171 erfolgreich die feindlichen Kräfte an.

Im März entließ die 3. Kompanie ihre Wehrpflichtigen Soldaten und gab Waffen und Gerät an den KpFwGerEinheiten ab. Die 2./171 und 5. Kompanie räumten Ihre Unterkünfte und zogen in die Blöcke 5, 18 und 6 um. Am 01.April wurden die freigewordenen Gebäude dem Bundesvermögensamt übergeben. Ende April beendete die 2./171 ihre Ausbildung mit der Teilnahme an der Gefechtsübung der 1. Jütland Brigade in Oksbol (DK). Da die Spz Marder aufgrund der Umgliederungsmaßnahmen nicht mehr zur Verfügung standen, wurden die Soldaten der Kompanie mit Hilfe von LKW beweglich gemacht.

Ab Mitte Mai 1992 wurde die Ausbildung im Btl eingestellt. Alle Kräfte konzentrierten sich nun ausschließlich auf die Maßnahmen und Aufgaben zur Umgliederung in die Heeresstruktur 5. Am 8. Mai gab es noch vom Offizierskorps den "Abschiedsball". Der Kommandeur verabschiedete das Bataillon vor 250 geladenen Gästen und Freunden. Am 4.Juni trat die 1. Kompanie auf dem Marktplatz von Bad Schwartau an, um die seit knapp 20 Jahren bestehende Partnerschaft zu beenden. Im Juni luden die Offiziere und Unteroffiziere zum "Ehemaligentreffen" in das Unteroffiziersheim ein. Über 200 ehemalige aktive und nichtaktive Soldaten des Panzergrenadierbataillons 172 nutzten die Gelegenheit mit "alten Kameraden" vergangener Zeiten und gemeinsame Erlebnisse wieder aufleben zu lassen. Ende Juni wurde die letzten Wehrpflichtigen der 2./PzGrenBtl 171 entlassen, Waffen, Gerät und Unterkünfte wurden bis Mitte August abgegeben.

Am 18. September 1992 wurde das Panzergrendierbataillon 172 vor hunderten von Gästen, Freunden, Ehemaligen und Angehörigen vom Kommandeur der Panzergrendierbrigade 17, Oberst Rennack, verabschiedet. Symbolischen Charakter hatte der Auszug der Truppenfahne des Battaillons am Ende des Abschiedsappells. Die Fahne verließ, eingerahmt von einem Begleitkommando, die Hanseaten-Kaserne und machte damit jedem Anwesenden deutlich, dass die Panzergrenadiere den Standort Lübeck in Richtung Bad Segeberg verlassen mussten.